Gedanken zu Essstörungen

Wenn deine Seele Hunger hat – Gedanken zu Essstörungen

Essstörungen. Niemand redet gerne darüber. Weder die Betroffenen selbst noch ihre Angehörigen. Dabei ist es ein Thema, das so viele junge Mädchen und Frauen betrifft. Und das nicht tabuisiert werden sollte. Denn es ist nicht die Schuld dieser Mädchen und Frauen, dass sie krank werden, sondern die unserer Gesellschaft. Diese Gesellschaft, die uns krankmachende Ideale vorhält, die uns weismachen will, dass wir nur schön, liebenswert und erfolgreich sind, wenn wir schlank sind, einen Modelkörper mit Traummaßen haben. Millionen Geschichten. Millionen Mädchen und Frauen, die in eine Essstörung abrutschen. Die ein gestörtes Verhältnis zum Essen und vor allem zu ihrem Körper haben. Millionen gebrochene Herzen und verzweifelte Seelen, die einen Ausweg suchen aus diesem Teufelskreis. Eine davon bin ich. Und eine der Geschichten ist meine.

Wie fühlst du dich, wenn ich frage…

Wie viele Diäten hast du schon hinter dir? Wann hattest du deine letzte Fressattacke? Wann hast du zum letzten Mal gefastet oder einfach gar nichts gegessen, obwohl du Hunger hattest? Wann hast du exzessiv Sport getrieben, um deine letzte Mahlzeit „auszugleichen“? Wann hast du zuletzt gegessen, weil du wirklich körperlich hungrig warst? Wann hast du dir wieder einmal vorgenommen, dass ab morgen oder spätestens ab Montag alles anders wird und du dann wirklich endlich diszipliniert isst? Und wann hast du zu Schokolade oder Chips gegriffen, um dich zu trösten, dich zu beruhigen oder um deinen Kummer zu vergessen? Wann hat dir deine Waage zuletzt so richtig den Tag verdorben? Wann war das letzte Mal, dass du deinem Spiegelbild ein ehrliches und zufriedenes Lächeln schenken konntest ohne negative Gedanken, Wut, Verzweiflung und Ekel?

Ertappt? Beschämt? Verzweifelt?

Ich wünsche mir, dass du, die du das hier gerade liest, dich nicht schlecht fühlst bei diesen Fragen, weil du ein ganz natürliches Essverhalten hast, dich von Natur aus gerne bewegst und du dich wohlfühlst in deinem Körper. Doch wenn das nicht so ist und du dich in diesen Fragen wiedererkannt hast, dann fühl dich ganz fest umarmt und lass dir sagen, dass du damit nicht allein bist! Ich war genau dort an dieser Stelle. Und das über sehr sehr viele Jahre. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann geht es mir in manchen schlechten Momenten heute manchmal auch noch so. Und ich weiß, dass es da draußen noch ganz viele Frauen gibt, die sich hier und jetzt an unsere Seite stellen würden. Es ist ok, dass du dich ertappt fühlst, dass du dich schämst und verzweifelt fühlst. Versuche, diese Gefühle anzunehmen und sie nicht wegzudrücken. Wir sind hier unter uns.

Essstörungen und ihre Folgen

Magersucht, Bulimie und Adipositas. Das sind die wohl bekanntesten Begriffe und Erkrankungen, wenn wir über Essstörungen sprechen. Doch sind diese drei die Extreme. Häufig sind von Magersucht und Bulimie besonders junge Mädchen betroffen, Adipositas findet sich eher bei Erwachsenen, die aber schon als Kind übergewichtig waren. Allen Erkrankungen ist gemein, dass sie oft einhergehen mit schweren Depressionen und auch Selbstmordgedanken und brauchen in jedem Fall ärztliche und psychologische Unterstützung, denn bei diesen Erkrankungen sind Leib und Leben in Gefahr. Deshalb, wenn du dich in einem dieser Bereiche befindest, dann suche dir bitte dringend professionelle Hilfe.

Wahrscheinlich viel verbreiteter, wenn auch schlechter messbar, sind all die Essstörungen, die, wie zum Beispiel die Binge Eating Störung, bei der regelmäßige Fressanfälle ohne ausgleichende Diät oder Sport häufig zu Übergewicht führen, Frauen in eine Art Teufelskreis aus Diäten, Fasten, Fressanfällen und Jojo-Effekt führen. Verhalten, das dazu führt, dass sie ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und zum Essen entwickeln. Nahezu alle Gedanken kreisen sich täglich ums Essen, die nächste Diät, die Ausrutscher, die Kilos auf der Waage.

Ein gestörtes Essverhalten und eine falsche Körperwahrnehmung – Essstörungen haben viele Gesichter

Auch wenn ich in meiner Jugend mal eine Phase hatte, in der ich einer Magersucht gefährlich nahekam, weil ich selten bis gar nicht mehr gegessen habe und auch nicht wollte, so musste ich mich die meisten Jahre seitdem doch zu letzterer Gruppe zählen. Ich hatte ein völlig verzerrtes Bild meines Körpers. Fühlte mich viel zu dick und kaschierte meine „Problemzonen“ mit langen Pullis oder Tüchern, die ich mir um die Hüfte wickelte. Schämte mich für meinen Körper und war deshalb jahrelang nicht schwimmen. Ich probierte jede Diät, quälte mich mit Joggen und im Fitnessstudio, um abzunehmen. Eine Zeit lang war ich immer diszipliniert, doch irgendwann hielt ich meinem Heißhunger nicht mehr stand und verschlang geradezu alles, was mir in die Quere kam. Ich nahm ab und wieder zu, ab und wieder zu. Und war niemals zufrieden, fand mich niemals schön oder gut genug. Alle meine Gedanken kreisten ums Essen. Ich plante schon oft im Voraus, zum Beispiel in der Schule oder im Büro, was ich am Nachmittag alles einkaufen und dann direkt verschlingen würde. Nur, um mich später mit Bauchschmerzen und den schlimmsten Selbstvorwürfen auf der Couch wiederzufinden. Mit einem Gefühl von Scham, wieder einmal so kläglich gescheitert zu sein. Und dann immer wieder den Vorsatz fassend, dass ab morgen alles anders wird und ich dann aber wirklich diszipliniert essen und Sport treiben werde. Jahrelang entkam ich diesem Teufelskreis nicht. Es gab Phasen, da entspannte sich mein Essverhalten ein wenig und ich schaffte es, mein Leben relativ erfolgreich zu meistern, doch irgendwann verfiel ich wieder und alles begann von vorne. Wenn ich mir heute Fotos anschaue aus diesen Zeiten, sehe ich ein schlankes, hübsches Mädchen. Aber eines mit traurigen Augen und leerem Blick. Wenn sie nur sehen könnte, was ich heute sehe..

Hinter Essstörungen stecken Seelen, die Hunger haben

Essen ist nicht das Problem. Es ist das, was dahintersteckt. Unsere fehlende Selbstliebe, unser mangelndes Selbstbewusstsein. Wir verlieren uns im Außen und vergessen dabei, wer wir wirklich sind. Laufen einem Ideal hinterher, das wir nie erreichen werden und das uns außerdem nie glücklich machen wird. Wenn du schon einmal dein „Idealgewicht“ erreicht hast, dann weißt du, wovon ich spreche. Es sind unsere Seelen, die Hunger haben. Die sich sehnen nach Liebe, nach Verständnis und Anerkennung. Nach Ruhe und Mitgefühl. Und die einfach nicht gehört werden. Sondern betäubt werden mit Essen. Oder nicht essen. Oder beidem. Wunderschöne Seelen, die sich nicht verwirklichen können, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, unsere wahren Bedürfnisse zu ignorieren, weil wir unbedingt gefallen wollen, dazu gehören und geliebt werden wollen.

Bei mir fing es in der Schule an. Ich wurde gemobbt. Man war gemein zu mir, machte mich lächerlich, beschimpfte mich und lachte über mein Aussehen und meine Figur. Ich suchte Hilfe und Halt, fand aber keinen. Und so fing ich an mich zu verlieren. Verlor meine eigenen Interessen aus den Augen, hörte nur noch auf die Meinung anderer, vertraute mir selbst nicht mehr. Mein Selbstbewusstsein verschwand, ich wurde immer stiller, zog mich zurück. Meine Seele verhungerte, denn ich tat nicht mehr das, was mir Spaß machte und guttat, sondern alles, um den anderen doch noch zu gefallen. Jahrelang aß ich, um mich zu trösten, mich abzulenken von meinem Kummer, aus Frust, aus Angst, aber nie aus wirklichem körperlichem Hunger. Viele weitere Erfahrungen in meinem Leben verstärkten dieses Verhalten und meine Essstörungen und so war ich sehr lange festgefahren in meinen Mustern. Ich versuchte, alles, um irgendwie daraus zu kommen. War in Therapie, las viele Bücher, suchte mir Vorbilder, die es geschafft hatten, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Viele kleine Schritte halfen mir auf meinem Weg.

Die goldene Lösung

Die goldene Lösung gibt es leider nicht. Einmal in Essstörungen gefangen, ist es nicht einfach wieder herauszufinden. Es bedarf viel Mut und Durchhaltevermögen. Denn es geht nicht darum, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen und dann ist alles gut. Es ist die Arbeit an unserem Innern. Die Heilung unseres inneren Kindes, die Überwindung von blockierenden Glaubenssätzen, das Erlernen von Selbstliebe und Selbstannahme. Es geht darum, zu einem intuitiven Essverhalten zurückzukehren, bei dem es nicht mehr ums Kalorienzählen geht, um Verbote oder eine bestimmte Diät. Es geht um das Friedenschließen mit uns selbst, unserem Körper und unserer Vergangenheit. Darum zu lernen, deine Gefühle anzunehmen und sie nicht mehr zu betäuben.

Mein Weg war ein sehr langer. Den richtigen Durchbruch, der mein Denken und Fühlen grundlegend veränderte, hatte ich während meiner ersten Schwangerschaft und nach der Geburt unseres Sohnes. Denn erst da erkannte ich, was unser Körper für ein Wunder ist und was für ein Geschenk er ist. Ohne ihn könnten wir nicht leben und könntest du diese Zeilen hier gerade nicht lesen. Mein Fokus richtete sich mehr und mehr auf meine Gesundheit und auf den Einklang mit meinem Körper. Ich wollte endlich den Kampf beenden und Frieden mit meinem Körper schließen. Und meine Seele mit dem nähren, was sie wirklich braucht. Coachings, Bücher, Meditation, Mentaltraining und der Austausch mit Gleichgesinnten haben mir geholfen, meinen eigenen Weg zu gehen. Und jeder Schritt war es wert. Auch heute muss ich manchmal noch aufpassen, dass ich in stressigen Zeiten nicht in alte Muster verfalle. Doch einmal heraus aus diesem Teufelskreis und die Befreiung spürend, die das Leben ohne Essstörungen bedeutet, fällt es mir viel leichter, schnell innezuhalten und gegenzusteuern, wenn mich manche Situation zu überfordern droht.

Essstörungen überwinden

Es beruhigt zu wissen, dass es ihn gibt. Den Weg heraus aus der Essstörung und dem Kampf mit uns selbst. Und, dass du nicht allein bist! Falls eine der Geschichten auch deine ist…
Es liegt mir sehr am Herzen, anderen zu helfen auf ihrem Weg. Meine Geschichte zu teilen. Meine eigenen Erfahrungen und Gelerntes weiterzugeben. Denn ich weiß, wie schwer es ist. Vergiss nicht, dass du genau richtig bist, wie du bist. Du bist gut genug, du bist wertvoll. Du bist liebenswert. Du hast ein wunderschönes Leben verdient, in dem du dich wohlfühlst und stolz auf dich bist.

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