Lass dich von deiner Angst nicht aufhalten

Lass dich von deiner Angst nicht aufhalten

Ich merke, wie sie auf mich lauert. Tief im Innern dieser dunkle, brodelnde Kern. Eine schwarze, wabernde Wolke. Langsam kraucht sie durch mich durch, lässt mich erschaudern. Zieht meinen Brustkorb zusammen, nimmt mir Stück für Stück die Luft zum Atmen. Herzrasen. Suchende, rastlose Augen, Enge, ein Kloß im Hals, Schweißausbrüche, Zittern. Angst. Sie überfällt mich mitten in der Nacht, wenn alles um mich herum dunkel ist. Sie kommt am Tage, nicht so drängend, aber doch belastend, wie ein schwerer Sack auf meinen Schultern.

Angst und Panikattacken

Es begann in der Pubertät. Eines Abends im Sommer, es war schon dunkel, saß ich mit einer Freundin draußen auf einer Mauer und wir schauten in den sternenklaren Nachthimmel. Diese dunkle, unendliche Weite. Das Unendliche. Unvorstellbar. Und plötzlich geschah es. Eine tiefe Woge der Angst ergriff mich. Diffus und doch so heftig. Mein Herz fing an zu rasen, ich zitterte, wollte hysterisch losschreien. Sprang vor Schreck und Panik von der Mauer, fing wild zu erzählen an, um mich von diesen furchtbaren Gedanken abzulenken. Ich hatte Angst vor der Unendlichkeit und vor der Endlichkeit gleichzeitig. Fühlte mich erschlagen, übermannt von all dem, was wir nicht wissen. Und von dem Wissen, eines Tages diesen Himmel nicht mehr sehen werden zu können. Tod. Hilfe, ich muss hier raus. Unerträglich der Gedanke des „nicht mehr Seins“. Durch die Bewegung und das aufgeregte Plappern vertrieb ich die Gedanken und kam wieder etwas zur Ruhe. Völlig erschöpft jedoch und ratlos, woher diese plötzliche Angst kam.

Meine erste Panikattacke und sie sollte nicht die letzte sein. Die nächsten Jahre waren Angst und Panikattacken meine treuen Begleiter. Besonders abends im Dunkeln überfielen sie mich. Manchmal im Schlaf, so dass ich schweißgebadet und in Panik erwachte, aus dem Bett sprang und völlig verstört versuchte, diese Gedanken abzuschütteln. Ich war in Therapie, nahm Medikamente. Das half. Aber auch nur so lange, wie ich die Medikamente einnahm. Als es mir besser ging und ich sie absetzte, kamen sie wieder. Nicht regelmäßig. Aber sie kamen. 

Angst kennen wir alle

Angst ist ein uns Menschen angeborenes Gefühl. Als wir noch Jäger und Sammler waren, bewahrte uns unsere Angst vor gefährlichen Situationen, wilden Tieren oder giftigen Beeren. Die Angst vor dem Alleinsein trieb uns in Herden zusammen, denn so waren wir beschützt und sicher. Unsere Angst machte Sinn. Sie sicherte unser Überleben. Heute sind wir, gerade hier in Deutschland, sehr sicher. Weder müssen wir uns vor wilden Tieren fürchten noch vor Hunger oder Vergiftung. Auch das Alleinsein bringt uns heute nicht mehr um, denn wir werden abgefedert durch unseren Sozialstaat, der uns ein Leben in Freiheit und Sicherheit schenkt.

Und doch kennen wir sie alle. Angst vor dem Versagen, vor Fehlern, vor falschen Entscheidungen. Angst vor einer Blamage, Angst davor, nicht gemocht oder geliebt zu werden, nicht gut genug zu sein. Angst vor Prüfungen, Spinnen, Höhen oder Publikum. Angst, keinen Mann zu finden, im Alter zu verarmen, Angst vor Krankheit und Tod, vor Terroristen oder den Microchips von Bill Gates.

Nicht jede Angst ist begründet. Nicht jede Angst wird so heftig, dass man in einer Panikattacke versinkt.

Wohle dem, der nicht weiß, wie sich eine Panikattacke anfühlt.

Was die Angst mit uns macht

Angst ist kein schöner Begleiter. Sie ist ein Gefühl, das niemand gerne empfindet. Das wir lieber ignorieren, statt zu fühlen. Von dem wir uns gerne ablenken. Aber auch eins, das wir sehr gut als Ausrede für alles Mögliche verwenden können. Ich würde ja gerne, aber ich habe Angst, dass… Angst lässt uns erstarren und manchmal gar handlungsunfähig werden. Sie flößt uns leise immer wieder Selbstzweifel ein. Dass wir etwas nicht schaffen werden, dass es schrecklich werden wird, wir uns lächerlich machen. Und wenn wir uns so richtig reinsteigern, dann verfallen wir in Panik. Tunnelblick und kein Ausweg in Sicht. Worst case Szenarien, Tragödie, Weltuntergang. Und diese Angst und Panik steckt an. Verbreitet sich. Besonders gern in den Medien. Denn Angst ist etwas, das uns ganz tief im Inneren trifft. Was uns erschüttert. Böse Menschen nutzen das aus. Beispiele dafür gibt es in unserer Geschichte leider genug.

Lass dich von deiner Angst nicht aufhalten

Mag sie auch noch so unangenehm sein, so ist unsere Angst immer auf unserer Seite. Sie will uns beschützen. Auch heute noch will sie unser Überleben sichern. Wenn auch anders als damals. Sie will uns etwas sagen. Uns aufmerksam machen auf etwas, das in unserem Innern nicht stimmt. Meine Angst vor dem Tod und der Endlichkeit zum Beispiel, hat mir immer wieder gezeigt, wenn ich auf dem falschen Weg war. Denn sie möchte, dass ich wahrhaftig lebe, dass ich mich richtig lebendig fühle. Denn dann weicht sie. Sie zeigt mir, was wirklich wichtig ist und gibt mir den Mut, meinem Herzen zu folgen. Und lässt mich immerzu dankbar sein für alles, was ich habe und erLEBEN darf.

Deshalb nimm dir ein bisschen Zeit für dich

Wichtig: Wenn du mit Panikattacken kämpfst und deine Ängste weit über das übliche Maß hinausgehen und dich in deinem Alltag einschränken, dann suche dir bitte professionelle Hilfe. Dann solltest du nicht allein sein und dich deinen Ängsten nur mit Unterstützung stellen.

Meditation

Setze oder lege dich an einen bequemen und gemütlichen Ort, an dem du für einige Zeit ungestört bist. Atme tief ein und aus. Konzentriere dich auf deinen Atem. Entspanne deinen Körper. Zuerst die Füße und Beine, dann deinen Bauch, Brust, Arme, Hände, Finger. Entspanne deinen Nacken und deine Gesichtsmuskeln. Atme weiter tief ein und aus. Gehe jetzt in die Situation, die dir Angst macht. Stell sie dir genau vor. Und lass die Angst kommen. Atme ruhig weiter. Fühle. Begrüße deine Angst wie einen guten Freund. „Ah, da bist du ja!“ Und dann frag sie, was sie dir sagen möchte. Frag sie, wovor sie dich beschützen möchte und warum sie sich solche Sorgen macht. Und dann lausche. Vielleicht möchte sie dich vor einem leichtsinnigen Fehler bewahren. Vielleicht glaubt sie, dass du noch nicht genug weißt, um zu entscheiden oder zu handeln. Vielleicht hat sie Angst vor Veränderung und davor, was die anderen denken könnten. Vielleicht möchte sie nicht, dass du am Ende allein dastehst. Vielleicht möchte sie dir zeigen, dass du auf dem falschen Weg bist. Spüre tief in dich hinein. Bewerte nicht, sondern lass alle Gedanken und Gefühle zu. Wenn deine Angst dir alles gesagt hat, bedanke dich bei ihr. Sag ihr, dass du ihre Bedenken ernst nimmst, aber das DU SELBST entscheidest, wie es weitergeht. Nimm noch ein paar tiefe Atemzüge. Dann recke und strecke dich ein bisschen, fühle, wie du langsam im Hier und Jetzt ankommst und öffne deine Augen.

Schreib’s auf

Nimm jetzt einen Zettel und Stift zur Hand und schreibe auf, was du von deiner Angst erfahren hast. Wenn du alles notiert hast, schau dir die Antworten noch einmal genau an und frage dich: Stimmt das alles? Wenn die Angst dir zum Beispiel gesagt hat, dass etwas zu gefährlich ist und du dich dabei verletzen könntest, überlege, wie Hoch die Gefahr wirklich ist. Ja, du könntest dich vielleicht verletzen, aber es gibt ausreichende Schutzmaßnahmen, die du nutzen kannst, um das Risiko so zu minimieren, so dass du es trotzdem tun kannst. Oder du merkst, dass die Angst recht hat und es wirklich leichtsinnig wäre, in diesem Fall deine Gesundheit und dein Leben aufs Spiel zu setzen.

Manchmal ist unsere Angst begründet und wir sollten auf sie hören. Doch oft kommt sie auch von alten einschränkenden Glaubenssätzen, die uns heute nicht mehr dienlich sind, sondern uns in unserem Tun aufhalten. Oder unsere Angst basiert auf (Fehl-) Informationen anderer, die wir bei genauerer Betrachtung als falsch erkennen können.

Es ist wichtig, unsere Angst anzunehmen und zu schauen, was sie uns sagen will. Sie zu verdrängen macht sie nur stärker. Sie hilft uns weiter und auch wenn sie zuweilen sehr unangenehm sein kann, so lernen und wachsen wir durch sie. Denn jedes Mal, wenn wir unsere Angst überwinden, gewinnen wir nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Kraft und Selbstvertrauen. Wir trauen uns immer mehr zu und so wird auch unsere Angst langfristig kleiner.

Wenn uns etwas Angst macht, dann sollten wir genau hinschauen, denn hinter der Angst liegt unsere Freiheit, liegt unser Weg. Wenn wir uns entscheiden, durch sie hindurchzugehen, dann finden wir uns selbst.

Und ich?

Die Zeiten meiner schlimmsten Panikattacken sind vorbei. Ich habe gelernt, wie ich mich beruhigen kann, wenn die Panik doch einmal in mir hochsteigt. Ich nehme sie an und schaue noch einmal genau auf mein Leben und wo es gerade vielleicht nicht rund läuft. Doch natürlich ist mir Angst nicht gänzlich fremd geworden.

In wenigen Wochen ist die Geburt unseres zweiten Kindes. Meine erste Geburt verlief nicht glatt. Nicht nur haben mich die Schmerzen in ihrer Fülle völlig überrascht. Sondern waren auch die Komplikationen und die Gefahr danach nichts, womit ich in meiner Zuversicht und Unbekümmertheit je gerechnet hätte. Wir haben es überstanden. Und mit der Zeit verblassten die Erinnerungen ein bisschen, ließ der Schmerz nach, ging die Angst. Doch jetzt ist sie plötzlich wieder da. Und jeder Tag, der die Geburt näher rücken lässt, bringt auch ein bisschen mehr alte und neue Angst mit. Angst davor, dass es wieder passiert. Dass es dieses Mal vielleicht doch das letzte Mal ist. Angst vor den Schmerzen, Angst vor dem Danach. Und dann ist da auch noch dieses Virus. Dieses Virus, das die Krankenhäuser an ihre Grenzen bringt und neue, verwirrende Regeln schafft. Darf mein Mann dabei sein? Oder werden wir an der Tür stehen und ihm der Einlass verwehrt? Wird ihm und mir dieser besondere Moment genommen, in dem wir einander mehr denn je unterstützen und brauchen? Darf er mich danach besuchen oder bin ich mit unserem Baby allein? Und dann die Sorge um unseren Großen. Der eigentlich auch noch klein ist. Nie waren wir über Nacht getrennt. Nie war ich so lange weg. Ich vermisse ihn jetzt schon. Und wie wird er das begreifen können? Dass Mama nicht da ist. Dass sie aber bald wiederkommt. Hoffentlich.

Angst. Du großes, schier unbezwingbares Biest.

Ich kenne dich schon seit ich denken kann. Aber irgendwie habe ich gelernt, mit dir zu leben. Und ich bin dir dankbar, denn durch dich darf ich wachsen. Immer wieder. Und so habe ich irgendwie immer einen Weg gefunden. Und werde es auch dieses Mal. Du kriegst mich nicht klein. Die Welle wird uns erfassen und wir werden uns von ihr tragen lassen, bis wir alle wieder gesund und sicher zu Hause sind.

 

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